back to list


date:
12.06.2019

language:
German

Haudrauf trifft Benimm – warum der Fechtsport eine wichtige Schule fürs Leben ist

Wer sich in stressigen Situationen im Griff hat, ist erfolgreicher. Fechten als traditionelle europäische Kampfsportart schult Kinder und Erwachsene in Sachen Höflichkeit, Selbstbewusstsein und Verantwortung wie kaum eine andere Disziplin. Ein kleines Feature über eine große Sportkultur.

Eigentlich würde der neunjährige Mattes am liebsten vor Wut die Fechtmaske mit Schmackes auf den Hallenboden werfen und sein Miniflorett gleich dazu. Nur um einen Punkt das Gefecht verloren, wie bitter, der Wutteufel hat ihn fest im Würgegriff. Aber da ist ja noch der strenge Blick seines Fechtmeisters. Also klemmt er die Maske unter den Arm, grüßt mit der Waffe und geht auf seinen Gegner zu. Ein kurzes Handshake, jetzt darf er die Planche verlassen. Ein wichtiger Akt der Selbstdisziplin für einen jungen Sportler.

„Wir Fechtmeister sagen, bevor man gewinnen kann, sollte man erst einmal verlieren lernen“, schmunzelt Maître Henri Jansen, mit 74 Jahren der Doyen des deutschen Fechtsports. Nach einer Niederlage auch noch auf den anderen zugehen - eine schwere Lektion für viele Kinder und die meisten Erwachsenen, hat man sich doch noch vor drei Sekunden erbittert bekämpft.

In der Tradition von Ritter und Gentleman

Der Fechtsport ist bis heute seinen jahrhundertealten Traditionen treu geblieben: Die Fechtkleidung ist weiß, der Obmann (Kampfrichter) juriert auf Französisch und überhaupt hat der Fechtsport einen umfangreichen Katalog an Regeln, die jeder Fechtschüler wissen muss, um die Fechtprüfung zu bestehen und Turniere fechten zu dürfen. „Diese reichen teilweise bis ins Mittelalter und die Renaissance zurück. Sie erinnern daran, dass Fechten sowohl höfische Etikette widerspiegelt, aber auch ein Duell bis auf den Tod war“, berichtet Henri Jansen.  So ist es beispielsweise verboten, unter der Maske zu sprechen - per Handzeichen wendet sich der Fechter an den Obmann und bittet darum, die Maske heben zu dürfen, um etwas zu sagen.

Auch undiszipliniertes Verhalten wird streng geahndet: Wer zum zweiten Mal im Gefecht einen Frühstart macht, wird mit einem Treffer für den Gegner bestraft. Die Maske oder Waffe nach dem Gefecht wegzuwerfen, bedeutet sofortigen Turnierausschluss.   

„Die Regeln der Fairness selbst im Moment der Enttäuschung, Wut und Frustration quasi automatisch zu befolgen, bedarf viel Übung und befähigt zu größerer Frustrationstoleranz im späteren Leben“, bestätigt Tom Möller, der beim TSV Bayer Dormagen als Übungsleiter und Wettkampfkoordinator tätig ist und derzeit seinen Bachelor in Psychologie beendet.

Leere Rituale oder sinngebende Elemente?

Wer nun als Zuschauer in den nächsten Wochen den Fechtsport in Düsseldorf live erlebt, fragt sich vielleicht: Sind in unserer digitalen Welt solche überkommenen Regeln nicht schon längst zu sinnentleerten Ritualen erstarrt? Wie wirken sie auf junge oder erfahrene Leistungsfechter und was machen sie mit ihnen? Eine kleine Umfrage am Beispiel des traditionellen Fechtergrußes quer durch alle Altersklassen fördert Erstaunliches zutage:  

Wie kein anderes formales Element der Höflichkeit im Fechtsport ist das Be- und Abgrüßen des Gegners vor und nach dem Gefecht für die Zuschauer sichtbar. Es ist die institutionelle Klammer eines jeden Kampfes:  Vor dem Duell werden ohne Maske und mit definierten Bewegungen der Gegner, der Kampfrichter sowie das Publikum gegrüßt, nach Ende des Gefechts geben sich die Kontrahenten die waffenfreie Hand und sollen sich auch in die Augen schauen.

Selbst für routinierte Wettkampffechter ist dieser Gruß kein Routineakt, wie alle befragten Fechter bestätigen: „Es ist der letzte, unverstellte Blick auf den Gegner, bevor alles nur noch durch das Maskengitter wahrgenommen wird, ein direktes Messen des Gegners, Auge in Auge“, reflektiert beispielsweise die 19jährige Studentin und Weltcup-Fechterin Josefine aus Köln.  

 „Wenn man den Fechtergruß macht und dann die Maske aufsetzt, ist das für mich selbst nach 40 Jahren Fechten immer noch ein magischer Moment. Alles wird auf Anfang gesetzt, das Adrenalin kommt und alles ist still. Nie bin ich so konzentriert und bei mir wie in diesem Moment “, bekennt auch die 46 Jahre alte Florettfechterin Marissa, erfolgreiche WM/EM-Teilnehmerin in ihrer Jugend und jetzt Veteranen-EM-Teilnehmerin im Juni in Cognac.

Für den 16jährigen Säbelfechter Lennart ist das Be- und Abgrüßen des Gegners ein wichtiges soziales Signal: „Es zeigt mir, dass der Kampf beginnt oder beendet ist. Ich muss oft gegen Freunde fechten, da hilft es, von der sportlichen Auseinandersetzung wieder zurück in das normale Leben zu finden.“

 „Gäbe es das Abgrüßen und anschließende Handshake nicht, hätten wir sicher viel mehr Ärger zwischen den Fechtern. Der klare Abschluss ist wichtig, wenn die Emotionen hochkochen. Deshalb gibt es im Fechtsport kaum Ausschreitungen – wie wir sie zum Beispiel beim Fußball so oft sehen “, resümiert Tom Möller, der übrigens vom Deutschen Fechterbund als Obmann des Jahres 2019 im Bereich Säbel ausgezeichnet wurde.

Fechten live können Sie von Montag, den 17. Juni bis Samstag, den 22. Juni in den Messehallen Düsseldorf erleben. Mehr Infos unter:  www.madeofsteel2019.de

FIE
EFC
DFB
Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen
Sportstadt Düsseldorf
BMI